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Marcus Hammerschmitt: Der Zensor

23.05.2008

Was wäre, wenn? – mit dieser Frage beschäftigen sich nicht wenige Science-Fiction-Romane, eigentlich alle. Im Zensor von Hammerschmitt geht die Frage weiter mit: Was wäre, wenn die Nachkommen der Mayas und Azteken gegen Ende des 21. Jahrhunderts dank Nano-Technologie zu einer beherrschenden Weltmacht werden, die Spanien, Portugal und Teile von Frankreich erobert? Wir haben es hierbei nicht mit einem einfachen Rückspiel zu tun, sondern mit einer technologisch angepassten Form der Kolonisation, bei der die Nano-Mayas die iberische Halbinsel – in Stadtstaaten und Königreiche aufgeteilt – zur beherrschenden Macht in ihrem Weltreich machen: Mittelamerika bleibt ausgebeutet. Mystizismus und Technologie verbinden sich aufs großartigste (symbolisiert u.a. durch die für Informationsgesellschaft und Mythos zugleich stehende Figur der Glyphe).

Das von Hammerschmitt dargestellte Szenario gründet massiv auf drei Technologien: auf der einen Seite Nano-Technologie, gedacht als universelle Materiemaschine, beliebig programmierbar, und auf der anderen Seite, dadurch möglich geworden, künstliche Intelligenz, für die nanotechnisch verformbare Materialien zum Körper werden sowie erst durch die Beherrschung von Materie auf dem elementaren Level ermöglichte Biotechnologie – alles drei gekoppelt mit einer feudalen Gesellschaft, die aus europäischer Sicht als blutrünstig und irritierend erscheint.

Politisch ist das Reich der Nano-Mayas alles andere als heterogen und friedlich. Wir erleben diese Welt einerseits durch die Augen eines hohen, gottgleichen Beamten – des titelgebenden Zensors, der dem Nachrichtendienst von Nano-Tikal vorsteht, und der unerfreuliche Entdeckungen macht, und andererseits durch die Augen eines Halbspaniers, Teil der Rebellenbewegung, in der AnarchistInnen, KommunistInnen und konservative Katholiken gemeinsam gegen die Mayaherrschaft kämpfen – zwei Handlungsfäden, die irgendwann zusammenkommen.

Wie immer verläuft nicht alles nach Plan, und wenn auch das letzte Viertel des Romans etwas überhitzt und gewollt wirkt, ist er insgesamt einer erfreulich ideenreiche und spannende Lektüre (dass hier nicht übersetzt werden musste, macht durchaus was aus). Während die Mayagesellschaft realistisch wirkt, lässt sich das über den Weg dorthin nicht unbedingt sagen. Wenn es auch den einen oder anderen Hinweis etwa auf die Zapatistenaufstände gibt, so erklärt Hammerschmitt nicht, wieso gerade in Ländern der Peripherie mit ihren internen Spaltungen in diesem Jahrhundert die großen technischen Fortschritte passieren sollen. Insofern bleibt es beim was wäre wenn, und bei allem Realismus in der Darstellung wirkt das mayanisierte Westeuropa eigentümlich unwirklich.

Hammerschmitt, Marcus (2001): Der Zensor. Hamburg: Argument.
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Marcus Hammerschmitt: Wind / Der zweite Versuch

23.05.2008

Zwei kurze, sprachgewaltige, deutschsprachige Sciencefiction-Romane, die in einer einigermaßen realistisch gezeichneten nicht ganz fernen deutschen Zukunft spielen.

Wind: Eddie (menschenscheu etc.) bewacht einen Teil einer Offshore-Windanlage eines sehr, sehr großen Konzerns. Er erhält eine für das Windmonopol potenziell gefährliche Blaupause einer Gezeitenmaschine – und eine Odyssee quer durch die Republik (auf einem 200 kmh schnellen Rad) und einige Bolos (autonome Gebiete) beginnt.

Der zweite Versuch: unter anderem von einer christlichen Gentech-Sekte tatkräftig unterstützt versuchen die USA in einer Parallelwelt, den Schmach der missglückten Apollo-Mondmission einige Dekaden später wieder wett zu machen.

Hammerschmitt, Marcus (1997): Wind. Der zweite Versuch. Zwei Romane. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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Marcus Hammerschmitt: PolyPlay

23.05.2008

Ein Buch, zu dem sich leider nicht allzuviel sagen lässt. Nicht, weil es nicht von Interesse wäre, sondern weil es zuviel vorwegnehmen würde. Auf den ersten Blick ist das Buch harmlos – so harmlos, dass die Frage aufkommt, ob es nicht etwas unter dem Niveau von Hammerschmitt angesiedelt ist. Eine Alternativweltgeschichte, in der im Setting »DDR hat die BRD nach der Wende übernommen« Kommissar – nein, Oberleutnant – Kramer in einem Mordfall ermittelt, bei dem Jugendszenen und Automatenspielgeräte plötzlich in Verbindung mit einer Stasi-Verschwörung geraten.

Die Alternativwelt-DDR sieht plausibel aus, fast schon putzig, und auch die ab und zu hineinschneienden Lehrstunden über die Geschichte (im Schulunterricht, beim Zappen durchs Fernsehprogramm) wirken erst einmal so, als würde es hier darum gehen, sich vorzustellen, wie es denn hätte gewesen sein können, wenn im Jahr 2000 in einer größeren und für die Welt wirtschaftlich und politisch extrem wichtigen DDR stattgefunden hätte. Ob da Reklame hängt, wie die Wessis sich aufführen, etc. Warum sollte es so gewesen sein? Hammerschmitts Erklärung erweckt den Anschein, plausibel zu sein: wirtschaftliche Probleme im Westen, eine Abschottungspolitik in Ostasien, interne Streitigkeiten in den USA, und die – handgewedelte – Entdeckung einer ominösen neuen Technologie (der »Müller-Lohmann-Prozess«), die die DDR bald führend auf dem Gebiet der Mikroelektronik macht: Flachbildschirme, Mobilfunktelefone (»Mobis«), und wirtschaftlicher Erfolg. Das Leben im pluralistischen Sozialismus sieht gar nicht mal so übel aus – und auch die kleinen Fiesheiten (Joschka Fischer als Außenminister der DDR und Kronprinz des Staatsratsvorsitzenden, auch die Tageszeitung gibt’s weiterhin) tragen eigentlich nur dazu bei, dass Bild abzurunden. Daneben dann noch ein zweiter Handlungsstrang auf einer Seefestung, hat auch irgendwas mit Daten und Computerkriminalität zu tun.

Soweit, so gut. Aber irgendwann wird dann deutlich, dass Hammerschmitt den Leser oder die Leserin über etwas ganz anderes belehren möchte: über die Unmöglichkeit, in Science Fiction nicht nur plausible, sondern tatsächlich funktionsfähige Alternativwelten durchzuspielen, über die Fähigkeit des Menschen, überall Muster und Gestalten zu erkennen, und Widersprüche hinzunehmen. Das Ende ist überraschend, und wer zu lange mitspielt, mag es auch schockierend empfinden. Denn das Ziel des Experiments stellt sich als ein ganz anderes heraus – über das mehr zu sagen das Lesen des Romans doch beeinträchtigen würde. Und damit ist schon fast zuviel verraten.

Hammerschmitt, Marcus (2002): PolyPlay. Hamburg / Berlin: Argument. 187 Seiten, 12 Euro.
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