Winterschlaf

I.

Von Tag zu Tag ist es dunkler geworden. Der nachts gefallene Schnee schmilzt jetzt tagsüber nicht mehr. Bald wird ganz Jolando eingeschneit sein. Es sind die letzten Wochen vor der Winterruhe.

Jeden Abend gibt es jetzt ein Festmahl. Jeden Abend erklingt jetzt das Winterlied, es wird auf den Tisch gehauen und gegröhlt: Esst auf, was da ist – jetzt ist die Zeit! Lasst keine Reste über, esst, esst, esst, der Schnee fällt.

Oma kneift Rakim in die Rippen. „Iss noch was, Kind. Du weißt, was mit denen passiert, die sich nicht ordentlich satt essen vor dem Winter!“

Rakim verdreht die Augen. Sie wird bald eine Frau sein, kein Kind mehr. Die Schauergeschichten über Wintergeister, die Oma jeden Sommer erzählt, die glaubt sie nicht mehr. Aber sie mag Oma. Deswegen verkneift sie sich die Antwort, die ihr auf den Fingern liegt: Die Alten, die sich nicht mehr satt essen können, das sind die, die am Ende des Winters, wenn die Dunkelheit wieder weicht, nicht mehr aufwachen. Rakim möchte Oma nicht verlieren. Deswegen kuschelt sie sich an sie, statt böse Dinge zu sagen.

Die letzten Wochen vor der Winterruhe sind unruhige Zeiten. Der ganze Clan ist auf den Beinen. Die Sommerhäuser, in denen es jetzt empfindlich kalt wird, werden eingerissen oder mit Laub und Decken eingehüllt, falls sie nach dem Winter wieder genutzt werden sollen. Alle Felle und Decken müssen jetzt in die Winterhöhlen des Clans tief im Berg geschleppt werden. Rakim findet die Winterhöhlen muffig. Wenn dort die Talgkerze ausgeht, herrscht Dunkelheit.

Die Schneehunde werden freigelassen. Nach dem Winter werden sie wieder kommen. Sie verbringen den Winter im düsteren Wald. Rakim weiß nicht, wovon sie sich ernähren. Die Ziegen des Clans machen es wie die Menschen – sie ruhen im Winter. Auch sie werden in ihre Höhlen getrieben. Auch sie genießen jetzt noch einmal ihr Festmahl. Wobei, denkt Rakim, genießen eigentlich nicht das richtige Wort ist. Die Ziegen werden regelrecht vollgestopft.

Der ganze Clan ist jetzt in der Winterhöhle versammelt. Es ist eng und stickig. Nur noch ein oder zwei Tage bis zur Winterruhe. Die ganz kleinen Babys sind in ihren Fellbergen schon erstarrt, atmen ganz, ganz langsam.

Al‘mada, der Schamane von Jolando, macht jetzt die Runde durch die Höhlen der Clans. Er singt dunkle Töne und schwenkt sein Rauchgefäß, in dem die übel riechenden Herbstfarne verbrannt werden.

Kurz blieb er vor Rakim stehen, als wolle er etwas sagen. Dann verabschiedete Oma den Schamanen.

Rakim erinnert der Gestank an den letzten Winter, an die große Müdigkeit. Der Herbstfarngestank bleibt in den Fellen und Decken der Höhlen hängen. Nach der Winterruhe kommt der große Frühjahrsputz. Aber, auch das fällt Rakim jetzt wieder ein, es dauert jedesmal Wochen, bis Haare und Felle nicht mehr nach Herbstfarn riechen.

Ihr kleiner Bruder reibt sich die Augen und gähnt. „Rakim, ich muss dir was sagen. Es ist ganz wichtig.“

Rakim ahnt schon, um was es gehen könnte. Im flackernden Licht der Talgkerzen sieht sie den Schalk in seinen Augen aufblitzen.

„Na, sag schon. Was ist los?“

„Stimmt es, dass alle, auch die Großen, im Winter Pipi ins Bett machen? Wirklich? Hihihi!“

Und mit lautem Gelächter ist der kleine Bruder weggesaust. Nachher wird er sich zwischen Rakim und Oma kuscheln, in den Fellen. Die Talglichter erlöschen. Und dann fängt der lange Schlaf an.

II.

Es ist kalt, eiskalt. Es ist dunkel, nein, es ist richtig finster. Ein Arm drückt auf Rakim. Oma? Sie fühlt vorsichtig auf der anderen Seite. Der kleine Bruder, bewegungslos. Rakim ist verwirrt. Ist der Winter schon vorbei? Aber warum hat niemand die Talglichter entzündet? Warum ist es so still?

Rakim merkt, dass sie hungrig ist. Ihre Glieder tun weh. Irgendetwas stimmt nicht. Das kann noch nicht das Ende des Winters sein. Oder ist sie die erste, die aufgewacht ist? Der Gedanke schießt ihr durch den Kopf. Sie versucht, sich daran zu erinnern, was die Aufgaben des Ersterwachenden sind. Sie wollen ihr nicht einfallen. Lichter? Ziegen? Es stinkt.

Sie beschließt, einfach so zu tun, als wäre sie nicht die Erstwachwerdende. Sie wartet darauf, dass die Ältesten aufwachen, die die Regeln kennen. Es ist kalt, trotz der ganzen Felle. Immer wieder blitzen Lichter in ihren Augen auf, aber sehen kann sie nichts. Wie auch. Die Winterhöhle liegt im Berg, unter der Erde. Und vielleicht herrscht ja doch noch die lange Winternacht, die Zeit der Dunkelheit.

Rakim zittert und schaudert. Ist sie ein Wintergeist? Oder sind die Lichter in ihren Augen Wintergeister? Sie erinnert sich, wie Oma davon erzählt hat, dass die Wintergeister durch die Höhlen huschen und Blitze auf die Kinder werfen, die nicht artig waren. Kommt da ein Wintergeist, sie zu holen?

Sie muss doch einfach nur wieder einschlafen. Aber ihr Magen knurrt. Oh nein, so laut – wenn jetzt alle aufwachen, mitten im Winter? Aber niemand rührt sich, sie hört jedenfalls nichts.

Rakim fasst sich ein Herz. Sie versucht, einen klaren Gedanken zu fassen. Erstens: Sicher gibt es keine Wintergeister. Wie sollten diese in die Höhle kommen, die ist ja gut verschlossen. Zweitens: Egal, ob es richtig ist, oder nicht, sie ist wach. Und sie hat Hunger Vielleicht schafft sie es, wieder einzuschlafen, wenn sie etwas gegessen hat. Daher drittens: Sie muss etwas zu Essen finden. Und sie ist dabei auf sich alleine gestellt.

Die Ziegen! Nein, sie wird keine schlafende Ziege essen. Aber vielleicht finden sich da ja noch Reste des Ziegenfestmahls. Körnerfett. Aber die Ziegen essen nicht gründlich. Da bleibt immer was liegen.

Sie schlingt ihre Decke eng um sich. Sie fühlt sich schwach. Ganz langsam gewinnt sie ein Gefühl dafür, wo in der Winterhöhle sie sich befindet. Wenn sie sich nicht im Schlaf gedreht hat, müsste es dort – ja, dort – zum Ausgang der Höhle gehen. Und hinter den Fellen am Höhlenausgang müsste der Abzweig sein zur Ziegenhöhle.

Es dauert eine Ewigkeit, findet Rakim, aber letztlich hat sie es geschafft. Sie fühlt den Fellvorhang: der Ausgang der Schlafhöhle. Rakim steckt vorsichtig ihren Kopf durch die Felle. Sie schreckt zurück. Dort ist es noch kälter. Aber sie hat Hunger.

Das Körnerfett in der Ziegenhöhle ist eisig kalt. Aber es hilft, den Hunger zu vertreiben. Rakim stürzt sich gierig darauf, leckt wieder und wieder über das gefrorene Fett. Sie erinnert sich an Kinderspiele, als sie eine Ziege war. Jetzt bin ich wirklich eine, denkt Rakim. Nach und nach verschwindet der Hunger. Satt ist sie nicht, aber sie fühlt sich etwas besser. Durst.

Wasser gibt es in der Winterhöhle keines. Aber draußen wird Schnee und Eis liegen.

In der Ziegenhöhle findet Rakim eine weitere Decke. Die stinkt nach Ziege. In zwei Decken gehüllt, sucht sie den Ausgang der Ziegenhöhle, dann den Ausgang der Winterhöhle.

Die Winterhöhle ist mit Eis und Steinen verschlossen. Sie spürt einen Windhauch. Rakim fröstelt. Aber wo es einen Windhauch gibt, muss es hinausgehen. Vorsichtig tastet sie über Stein und Eis. Da, sie spürt Fell zwischen den Fingern. Das letzte Loch, mit Fellen verstopft.

Rakim ist erschöpft, aber es ist nicht die Wintermüdigkeit. Sie hat es geschafft, hinaus aus der Winterhöhle. Draußen ist es kälter, aber es stinkt nicht. Sie denkt zuerst, dass es draußen genauso dunkel ist wie in der Winterhöhle. Dann erkennt sie funkelnde Lichter. Nein, nicht ihre Augen. Für einen Moment vergisst sie Kälte und Hunger und Durst. Der Sternenhimmel, kristallklar. Ein grünes Licht am Himmelsrand, das heller und dunkler wird. Vielleicht ist sie die erste in Jolando, die den Winterhimmel sieht. Aber wie soll sie in der Winternacht überleben? Rakim ist sich sicher, dass sie nie Oma, nie ihrem kleinen Bruder davon erzählen können wird, von diesem Gefühl der Erhabenheit.

Im Sternenlicht kann sie die tief verschneiten Umrisse von Jolando erkennen. Rakim fühlt sich unendlich einsam. Aber etwas stimmt nicht. Ein Stern glitzert in der Dorfmitte. Ein Stern?

III.

Zum ersten Mal streift die Sonne den Horizont. Nur für eine halbe Stunde gibt sie Dämmerlicht, aber es ist doch ein deutliches Zeichen. Der Winter wird auch dieses Mal wieder ein Ende haben.

Al’mada hatte es ihr gesagt. Nimm dir viele Felle, so viele, wie du tragen kannst. Nimm dir trockenes Ziegenfleisch, kau darauf. Klettere oben auf den Hügel und bleibe da. Bleibe wach. Das ist wichtig. Das hatte er ihr gesagt, und Rakim war dem gefolgt.

Es war nicht das erste Mal, dass der Schamane ihr Anweisungen gegeben hatte, die ihr rätselhaft erschienen. Wahrscheinlich will er mich doch loswerden, hatte sie gedacht. Aber dann hatte sie begonnen, die Felle zusammenzusuchen und zu einem Bündel zu schnüren, und war auf den Hügel geklettert. Kälte und Dunkelheit, Sterne und das einsame Feuer des Schamanen waren ihr in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden. In jeder Generation gebe es eine oder einen, der über den Winter wachen müsse, hatte er ihr erklärt.

Tief in Felle gehüllt versuchte sie, nicht einzuschlafen. Und dann sah sie das schummrige Gelb, wie in der Stunde vor dem Sonnenaufgang. Ihr Freudenschrei hallte durch Jolandos Stille. Der Winter wird auch dieses Mal wieder ein Ende haben, jetzt war Rakim sich sicher. Aber wer wird sie sein, wenn Jolando erwacht?

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2 Kommentare - “Winterschlaf”

  1. Diana Says:

    Wirklich eine schöne Geschichte, dafür dass Mel und ich sie dir fast aufgezwungen haben. 🙂 Und ich finde es immer wieder faszinierend, wie wenig Beschreibung man eigentlich braucht um trotzdem alles ganz deutlich vor sich sehen zu können.

    Ich habe die Hoffnung auf eine Fortsetzung noch nicht aufgegeben. 🙂


  2. Ich hätte hier noch ein potenzielles Endstück, eine Vignette für den Epilog. Der Rest dazwischen wird bis auf weiteres ungeschrieben bleiben.

    *

    Auf fenstergroßen Bildschirmen wogt in der unterirdischen Passage der Sommerfarn. Das Bild wechselt sanft. Meeresvögel stürzen sich kreischend auf die in der Sonne glitzernde Wasseroberfläche. Im Hintergrund läuft leise Musik, die an die alten Gesänge erinnern soll.

    „Ich hätte heute morgen fast vergessen, den Wachmacher einzuschmeißen!“

    Bitum steht mit ihren Arbeitskollegen an einem Stehtisch. Sie stochert in frittierten Ziegenfleischwürfeln herum.

    „Meine Eltern sind da ja schrecklich konservativ! Jedes Jahr buchen sie drei Monate Winterruhe. Aber nur in den besten Berghotels, mit individueller, klimatisierter Schlafkammer, medizinischer Überwachung und allem Pipapo. Es sei unnatürlich, in der langen Dunkelheit wachzubleiben. Pah!“

    Bitum könnte jetzt entgegnen, dass sie noch als Kind mit zur Winterruhe der Clans genommen wurde, statt das Winterfest mit Lichtern und Geschenken zu feiern, wie andere Familien.

    Das Gefühl, abgemagert nach dem langen Schlaf wieder ins Freie zu kriechen, wird sie nie vergessen. Aber bevor sie etwas sagen kann, ertönt das Jingle der Mittagsnachrichten. Vielleicht ist es auch besser so. Ethno mag schick sein, aber manches wäre dann doch barbarisch, aus moderner Sicht.

    Hunderte drehen ihre Köpfe unwillkürlich in Richtung der Bildschirme.

    Wie die Sicherheitschefin uns mitteilte, hat sich das Obdachlosenproblem in Jolando-Stadt erneut verschärft. Alle Bürgerinnen und Bürger werden daran erinnert, ihre Notfallration des Wachmachers ebenso wie ihren Ausweis immer bei sich zu tragen. Sollten Sie wild schlafende Obdachlose finden, können Sie das ärztliche Einsatzteam der Stadt informieren.

    Wieder ertönt das Jingle. Auf den Schirmen ist jetzt ein runzliges Gesicht zu sehen, ein in traditonelle Gewänder gekleideter alter Mann, der Rauchbehälter schwenkt.

    Kurz vor der Abreise in seine Winterruhe ermahnte Großschamane Al’rakim dazu, die Traditionen zu achten. Der Wachmacher schade dem Geist des Menschen. Sein Auftritt wurde von Krawallen begleitet. Anhänger der ultrakonservativen All-Partei und der progressiven Liga mussten vom Sicherheitsdienst auseinander gehalten werden. Anlass war wieder einmal das kn Bau befindliche Flutlicht-Wintersportparadies.

    Das Jingle. Eine tief in Schneekleidung eingehüllte Reporterin stapft durch den Schnee, hinter ihr das Bergpanorama im Halbdunkel.

    Und jetzt das Wetter. Der Hauptwinter steht kurz bevor. Habt ihr schon alle Geschenke für das Winterfest? Jolando-Info wünscht allen, die sie einhalten, eine gute Winterruhe. Für alle anderen: Da draußen hat es jetzt knackige zehn Grad unter dem Gefrierpunkt. Bei nur noch drei Stunden Tageslicht werden heftige Schneefälle erwartet. Wir halten euch in den Passagen auf dem Laufenden!


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