Im Rosengarten

Posted 17.05.2009 by Till Westermayer
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Pastel Cabbages
Foto: Sister72, Lizenz: CC-BY

Dr. Wrolem summte die Parteihymne. Er ließ seinen Blick über die Beete der Anlage schweifen. Er versuchte, tief einzuatmen, und den Duft der Rosen wahrzunehmen. Es war trocken und heiß. Bei Wetter wie diesem spürte er seinen Körper, und das war ihm nicht angenehm. Noch vor einigen Jahren waren es Stangenbohnen gewesen, und Kohl, immer wieder Kohl, auf den Beeten, auf denen jetzt die Rosenstöcke standen. Erst allmählich sind die letzten Spuren der weltweiten Depression verschwunden. In den Jahren direkt nach der Jahrtausendwende, in der Zeit der Großen Koalition, da hatte man Angst gehabt. Die Risikogesellschaft hatten sie es genannt. Er war damals noch jung und fit gewesen, aber auch an diese Angst konnte er sich noch genau erinnern.

Schon vor einem Jahr habe ich eine Kurzgeschichte zur Aktualität von Zensur- und Überwachungsdystopien geschrieben. Leider hat sie an Aktualität nichts eingebüsst. Deswegen gibt es sie jetzt online:

Im Rosengarten (pdf)

Viel Vergnügen! Die Geschichte steht unter der Lizenz CC-BY-SA-NC, d.h. sie darf für unter ähnlichen Lizenzen stehende nichtkommerzielle Werke bei Namensnennung frei kopiert und weitergegeben werden (den “Quelltext” gebe ich bei Bedarf gerne weiter – bitte einfach bei mir melden).

Sieben Sieben-Wort-Geschichten

Posted 4.03.2009 by Till Westermayer
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Bei sixwordstories.net gibt es auch sehr kurze Science-Fiction-Geschichten, einige davon aus einem WIRED-Artikel. Dirk van den Boom macht daraus auf deutsch Sieben-Wort-Geschichten. Und weil meine dort im Kommentarfeld eingegebenen irgendwie aufgefressen werden (”Gefrässiges Monster im Netz: Text ist weg”), archiviere ich sie einfach hier:

Sieben Siebenwortgeschichten, zweiter Versuch

“Frühstück in Tokyo, mittags zum Mariannengraben, Mondnacht”

“Hrrg greifen an, schwache Wechselwirkung setzt aus”

“Informationsüberflutung, neurales Netz überlastet – sein Gehirn ausgebrannt”

“Zum Glück zu dritt fehlt noch Hermaphrodit”

“SF-Autor wird US-Präsident: Aliens kommen endlich frei”

“Klon schlägt zu, Original tot, wird freigesprochen”

“Klon schlägt Klon tot, Original wird freigesprochen”

Über Stock und Stein: Lesegewohnheiten

Posted 25.11.2008 by Till Westermayer
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Um sflib nicht ganz contentlos zu lassen, klaue ich jetz einfach dieses “Stöckchen” zu meinen Lesegewohnheiten (via Dirk van den Boom). Und beziehe das nur auf SF.

Gebunden oder Taschenbuch?

Eher Taschenbuch, weil a. besser auf Zugfahrten mitnehmbar, b. im Bett nicht so schwer und c. billiger.

Amazon oder Buchhandel?

Amazon. Englischsprachige SF gibt es trotz Spezialbuchhandlung in Freiburg via Amazon doch etwas unkomplizierter.

Lesezeichen oder Eselsohr?

Ich gebe es zu: häufiger auch mal Eselsohren. Bücher dürfen gelesen aussehen, vor allem, wenn es “billiger Schund” (aka SF) ist.

Ordnen nach Autor, Titel oder ungeordnet?

Pacified science fiction

AutorInnen. Jedenfalls, soweit mein Regelplatz ausreicht. Und die Regelhöhe zum Buch passt (was leider bei Hardcovern und “trade paperbacks” nicht unbedingt der Fall ist). Dementsprechend bin ich eigentlich dafür, dass alle Verlage Bücher der gleichen AutorInnen im gleichen Format und Layout herausbringen. Was diese leider nicht tun.

Behalten, wegwerfen oder verkaufen?

Behalten — mehr oder weniger Gutes darf im Regal bleiben, der Rest landet in Kellerkisten.

Schutzumschlag behalten oder wegwerfen?

Behalten.

Kurzgeschichte oder Roman?

Roman, und ab und zu mal eine Kurzgeschichtensammlung, wenn meine LieblingsautorInnen sich nicht in der Lage sehen, schnell genug neue Bücher zu schreiben.

Harry Potter oder Lemony Snicket?

??

Aufhören, wenn man müde ist oder wenn das Kapitel zuende ist?

Je besser das Buch, desto weniger müde, oder? Anathem musste dann doch zu großen Teilen im Morgengrauen gelesen werden. Wobei an der Stelle die Unsitte einiger AutorInnen bemängelt werden muss, kapitellose Bücher zu schreiben.

Kaufen oder leihen?

Kaufen, was aber mehr am derzeit fehlenden Leihzirkel liegt. War auch schon mal anders.

Kaufentscheidung: Bestsellerliste, Rezension, Empfehlung oder Stöbern?

Neuerscheinungen von LieblingsautorInnen, manchmal Empfehlungen, manchmal Rezensionen.

Geschlossenes Ende oder Cliffhanger?

Lieber Ende als Cliffhanger.

Morgens, mittags oder nachts lesen?

Tagsüber muss ich anderes lesen. Insofern dann nachts. Meistens aber im Zug, dann also durchaus auch tagsüber.

Einzelband oder Serie?

Serien haben diverse Probleme, v.a. noch nicht komplett erschienene Serien. Einzelbände sind besser. Wenn Serie, dann eher gemeinsame Universen mit Einzelbänden als übergreifende Handlungsbögen (also z.B. “Culture” von Banks oder “Discworld” von Pratchett, wobei ich da lange zögerlich war). Stross schreibt leider die falschen Bücher als Serie (und die richtigen nicht), ich lese sie aber trotzdem.

Serien im Sinne von Serien (also Perry Rhodan oder so) lese ich nicht.

Lieblingsserie?

Im Sinne der obigen Definition: Charles Stross’ Singularity-Sky-Universum. Und weil das leider nicht fortgesetzt wird, dann eben keine.

Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand etwas gehört hat?

Schwierige Frage, weil stark kontextabhängig (was hier unbekannt ist, ist im englischsprachigen Raum vielleicht schon Mainstream etc.). Vielleicht Ian R. MacLeod (nicht Ken!), The Light Ages. Vielleicht auch Bruce Sterlings Distraction. Siehe generell auch unten. Oder Kim Stanley Robinsons The Years of Rice and Salt. Wie gesagt: schwierige Frage.

Buch, das Dich am meisten beeinflusst hat?

Gibsons Neuromancer, vermute ich, mal so auf SF-Lieblingsthemen hin gesprochen. Am meisten “Denkeinfluss” hatten sicherlich The Dispossessed und Ecotopia. Und Marge Piercy mit He, She and It.

Welches Buch liest Du gegenwärtig?

SF-mäßig: keines, aber zu Weihnachten gönne ich mir wieder welche. Die letzten drei, die ich gelesen habe, waren:

  • Tobias S. Buckell: Ragamuffin — Fortsetzung von Crystal Rain. Gut gemachte, durchaus ambige Space Opera mit Wurmlöchern, aztekischen Aliens, jamaikanischen HeldInnen und viel Familienleben. Ragamuffin habe ich mir gekauft, weil mich Crystal Rain — gab’s mal als freies eBook von Tor — ganz gut unterhalten hatte.
  • Michael Swanwick: The Dog Said Bow-Wow: Kurzgeschichtensammlung von Swanwick, ich fand sowohl Vacuum Flowers als auch Stations of the Tide sehr schön (erinnerten mich an den frühen Bruce Sterling), und war dann auf der Suche nach Neuem. Die meisten “neueren” Werke von Swanwick hatten allerdings bei amazon eher schlechte Kritiken, so dass ich dann doch lieber Kurzgeschichten genommen habe. Nebengedanke: eignet sich gut als Bahnlektüre. Wundersame Mischung, passte aber weitgehend gut zu meinen Erwartungen.
  • Neal Stephenson: Anathem — die große Ausnahme (unbedingt lesen: die Website zu Anathem). Ausnahmsweise als Hardcover gekauft (weil eh so dick, und schneller zu erhalten, und auch nicht viel teurer), größtenteils nicht im Zug, sondern v.a. nachts im Bett gelesen, gekauft. Und auch, weil ich eigentlich nach Cryptonomicon von Stephenson eher enttäuscht war. Kann ich auf jeden Fall allen empfehlen, auch wenn das Ende handwerklich nicht ganz geglückt ist. Auf ungefähr 1000 Seiten geht es um Philosophie, Wissenschaftstheorie und Abenteuer, und danach ist der englische Wortschatz um ungefähr dreißig Paläoneologismen reicher.

Absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten?

Wechselt.

Lieblingsautoren?

Alphabetisch geordnet: Iain M. Banks, Ursula K. LeGuin, William Gibson, Ken MacLeod, Marge Piercy, Alastair Reynolds, Kim Stanley Robinson, Neal Stephenson, Bruce Sterling, Charles Stross. Habe ich wen vergessen?

Reiselektüre

Posted 16.08.2008 by Till Westermayer
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Foto: Kalandrakas, CC-Lizenz

Auch wenn die Updatefrequenz dieses Blogs etwas anderes suggeriert: ich bin erst nächste Woche im Urlaub. Und habe gleich mal eine ganze Menge an Reiselektüre für u.a. die neunstündige Zugfahrt an die Ostsee bestellt.

Als da wären:

Charles Stross: Halting State (amazon) — ein Near-Future-Roman meines derzeitigen Lieblingsautors, der von einem innerhalb eines Rollenspiels begangenen echten Bankraubs handeln soll, und jetzt als Taschenbuch erschienen ist. Ich bin gespannt, insbesondere darauf, ob Stross mich mitreißt, obwohl ich von Computerspielen und virtuellen Welten a la Second Life nicht so viel halte. Hat gerade fast einen Hugo bekommen.

Vernor Vinge: Tatja Grimm’s World (amazon) — einer der Vinge-Klassiker, die ich bisher noch nicht gelesen habe. Tatja Grimm’s World ist als solcher zuerst 1987 erschienen (einzelne Teile bereits 1968 und 1969) und wurde von Tor jetzt neu aufgelegt. Laut Cover ist es der erste echte Roman von Vinge, von dem ich bisher vor allem Deepness in the sky und A Fire upon the Deep kenne (sind ja auch die bekantesten seiner Romane). Die haben mir beide ziemlich gut gefallen, und auch Rainbows End (vor zwei Jahren erschienen) fand ich überzeugend. Vor einigen Monaten habe ich dann mit Marooned in Realtime (1986) zum ersten Mal bei Vinge “rückwärts” gelesen. Das Experiment war dann immerhin überzeugend genug, um jetzt Tatja Grimm’s World zu bestellen. Danach müsste ich mich dann mal an True Names wagen.

Terry Pratchett: The Truth (amazon) — zugegebernermaßen war ich lange Zeit eher skeptisch, was Pratchett anlangt; insbesondere die Vielzahl und Geschwindigkeit, mit der er Discworld-Romane ausgestoßen hat, war mir immer irgendwie suspekt (schließlich brauchte der beste komische SF-Autor, Douglas Adams, ja auch Jahre für jeden Band der Anhalter-Reihe!). Irgendwann habe ich dann aber entdeckt, dass Pratchett weitaus mehr als klamaukige Unterhaltung ist, sondern im Discworld-Gewand letztlich ziemlich ernsthafte und durchaus aufklärerische Satiren produziert. Oder so. Mir jedenfalls durchaus gefällt. Jetzt stehe ich allerdings vor dem Problem, was aus seinem großen Werk ich lese (eine Handvolle Romane habe ich schon; schade, dass inzwischen die klassischen Titelbilder auslaufen und durch neue ersetzt werden; gut gefallen hat mir Thief of Time, Small Gods und Equal Rites).
Diesmal ist meine Entscheidung auf The Truth gefallen, den vor acht Jahren zum ersten Mal erschienener Blick auf die Zeitungswelt der Scheibenwelt.
Bei Pratchett darf abschließend der traurige Hinweis nicht fehlen, dass er mit 60 Jahren relativ jung an einer seltenen Form von an Alzheimer erkrankt ist, was sich, wie er selbst berichtet, inzwischen auch auf sein Schreiben auswirkt. Das hat zwar den “Vorteil”, dass ich irgendwann auch mal mit meiner Discworld-Lektüre hinterherkomme ;-/ — ernsthaft: ich finde es sehr bedauerlich und bin beeindruckt, wie stoisch Pratchett mit dieser Krankheit umgeht.

Ian McDonald: Brazyl (amazon) — wird es leider nicht mehr in mein Gepäck schaffen; heute war die Versand-EMail von amazon da, aber ich werde voraussichtlich vor dem Postboten aufbrechen. Von McDonald hat mir sein Cyber-Indien-Buch River of Gods sehr gut gefallen, jetzt will ich sehen, wie er mit dem nächsten “Schwellenland” klarkommt (scheint überhaupt ein Faible von McDonald zu sein; auch Kirinya spielte ja schon größtenteils im “Nichtwesten”, nämlich in Afrika).

* * *

Zurück zur Reise: Da ist dann also hoffentlich einiges an guter Unterhaltung dabei. Mehr Mitzuschleppen wäre nur mit eBook statt Papier möglich. Bisher bin ich dem klassischen Medium aber weitgehend treu geblieben (und da mein Laptop nicht mitkommt, wäre das mit dem eBook auch gar nicht so einfach — oder kennt jemand ‘ne SF-Library fürs Symbian-Handy?). Aber notfalls gibt es dann vielleicht ja noch die eine oder andere Bahnhofsbuchhandlung.

Auch unterhaltsame SF darf progressiv sein

Posted 29.07.2008 by Till Westermayer
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Ein aus meiner Sicht sehr interessanter neuerer SF-Autor ist Charles Stross. Nicht nur, weil er es – mal abgesehen von einer etwas zu positiven Sicht auf die Atomindustrie – schafft, progressive SF zu schreiben, die gleichzeitig extrem spannend ist, humanistischer Post-Cyberpunk, oder so. Sondern auch, weil er ein Blog betreibt, in dem immer wieder lesenswerte Artikel zu seinen eigenen Werken, zur Welt insgesamt und zu einem aufgeklärten Rationalismus erscheinen. Aktuell hat er sein Opus selbstkritisch “Bechdel’s Law” unterworfen, dem von Alison Bechdel aufgeworfenen Test, ob ein populäres Werk — ursprünglich ging es um Filme — frauenfeindlich ist oder nicht:

1. Does it have at least two women in it,
2. Who [at some point] talk to each other,
3. About something besides a man.

Ziemlich viele Hollywood-Produktionen scheitern an diesem Test (bei Arthouse-Filmen mag’s ein bißchen anders sein). Im oben verlinkten Beitrag diskutiert Stross, was für ein schlechtes Licht es auf unsere Gesellschaft bzgl. Geschlechterfragen wirft, dass so ein Test 1. überhaupt notwendig ist und 2. so viele Werke der Populärkultur und des massenmedialen Diskurses schlicht und einfach durchfallen. Er geht aber noch einen Schritt weiter und schaut sich auch seine eigenen Texte daraufhin kritisch an. Sein Fazit: “From now on I intend to start applying this test to my fiction before I embarrass myself in public.” Ob sich Stross wirklich schämen muss, sei dahingestellt (nicht zuletzt Glasshouse ist meines Erachtens ein gutes Beispiel für einen soziologisch anspruchsvollen SF-Roman mit starken Bezügen zur Gender-Debatte). Den Anspruch finde ich jedenfalls allemal gut, und die Diskussion, die sich in den Kommentaren zu diesem Beitrag entspannt, erst recht.

Ursula K. LeGuin: The Telling

Posted 26.05.2008 by Till Westermayer
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TitelseiteAka ist eine Welt, die nur aus einem Kontinent besteht. Vor etwa siebzig Jahren gab es den ersten Kontakt zur Hainish-Ekumene, und in diesen siebzig Jahren hat sich Aka zu einem Musterbeispiel eines Corporate-State entwickelt, in dem Bürokratie, Gewalt, Konsum und ein unermüdlicher Fortschrittsglaube den Alltag bestimmen. Die Kehrseite davon war eine Art Kulturrevolution – die alte ideographische Sprache ist verboten, die alten Dialekte sind verboten, die alten Bücher sind verboten und werden verbrannt. Und die Maz, die Erzählenden, werden verfolgt und umerzogen.

Die Ekumene ist mit vier Personen auf diesem Planeten vertreten; mehr sind nicht erlaubt. Eine davon ist die Anglo-Inderin Sutty, die der Tod ihrer Geliebten und einer im Bürgerkrieg zwischen Ekumene und religiösen Unitisten gefangenen Erde ins All entflohen ist, im Glauben, auf Aka eine hierarchielose, diskrimierungsfreie Gesellschaft zu finden – nicht den bürokratischen, homophoben Corporate State, in dem sie nach 60 Jahren NAFAL-Flug ankommt. Obwohl sie es sich zuerst nicht zutraut, ist sie umso glücklicher, als erste der vier Ekumene-BotschafterInnen die Hauptstadt Akas verlassen zu dürfen, und in Okzat-Ozkat, einer ländlichen Stadt recherchieren zu dürfen. Sie hofft, dort noch auf Überreste der rigoros ausgelöschten Vergangenheit Akas zu stoßen – und entdeckt weit mehr, als sie gesucht hat. Langsam findet sie Spuren, die sich zu einem Gesamtbild eines Systems zusammenfügen, das im Untergrund weiterlebt: The Telling. Und sie findet Hinweise darauf, dass das, was auf der Erde passiert, und das, was auf Aka passiert, durchaus mit einander zu tun hat

Grandios erzählte Science-Fiction mit einem durchaus eingelösten literarischen Anspruch eine Geschichte, die auch als eine Allegorie gelesen werden kann auf den Zusammenstoß zwischen Westen und Nichtwesten, der den Nichtwesten dazu bringt, sich selbst auszulöschen im scheiternden Versuch, dem Westen gleich zu werden. Und wie üblich bei Le Guin sind die Figuren des Buchs überzeugend und tiefgründig – und lassen einen auch nach dem Lesen nicht mehr los.

LeGuin, Ursula K. (2000): The Telling. New York / San Diego / London: Harcourt.
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Ursula K. LeGuin: The Left Hand of Darkness

Posted 26.05.2008 by Till Westermayer
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TitelseiteEin SF-Roman von Ursula K. LeGuin, der im Hainish-Universum spielt. Es handelt sich dabei um den Bericht des »Erstkontakters« Gently Ai (ein Terraner), der versucht, den Planeten Winter/Gethen in die Ekumene einzubinden. Winter ist ein Planet in der Eiszeit, auf dem es zwar Technologien wie Radio, Motoren, etc. gibt, der aber keine industrielle Revolution erlebt hat. Außerdem gibt es keine Männer oder Frauen – die BewohnerInnen(?) sind geschlechtslos, bis auf eine kurze Phase jeden Monat, in dem sie je nach Zufall, Partner etc. männlich oder weiblich werden (Kemmer) und Sex haben können.

Gently beschreibt seine Reise durch das feudale Karhide und das bürokratische Orgoreyn, liefert Dokumente aus der Geschichte der Gethenier, kommt in ein Arbeitslager, wird von Estraven befreit, – dem/der er nicht traut – reist mit ihm/ihr im Schlitten über das Eis (der IMHO eindrucksvollste Teil des Buches), erreicht sein Ziel, freundet sich mit seinem Befreier/seiner Befreierin an, …

Das Buch erhielt den Hugo und den Nebula; diese Ausgabe enthält außerdem eine Einführung von LeGuin aus dem Jahre 1976. Ziemlich beeindruckend/fesselnd.

LeGuin, Ursula K. (1976): The Left Hand of Darkness. New York: Ace (Orig. 1969).
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Ursula K. LeGuin: The Lathe of Heaven

Posted 26.05.2008 by Till Westermayer
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TitelseiteEine großartig geschriebene 170 Seiten lange Metapher, die für die Ambivalenz von Zukunftsentwürfen und die Notwendigkeit einer Balance zwischen Wirklichkeit und Traum steht. George Orr [G. Orwell???] hat die Fähigkeit, mit seinen Träumen Dinge wirklich zu machen, die geschehen sind. Auf den ersten Blick sieht das aus wie die Fähigkeit, die Welt zu verändern.

Sein Orrs Psychiater erkennt diese Fähigkeit und nutzt diese dazu aus, die Welt zu verbessern – was u.a. zur Invasion der Aliens und zu einer Welt führt, in der alle einheitlich grau und langweilig sind. Jede Verbesserung ist gleichzeitig auch eine Katastrophe. Natürlich kommt’s zu Größenwahn seitens des Psychiaters, und einem entsprechenden Ende – er blickt dem nuklearen Weltkrieg ins Auge, der Rest der Welt erlebt ein zweistündiges Nichts – und am Schluß existiert eine Unordnung aus Bruchstücken verschiedenster Welten. With a little help of your friends, den netten und sehr fremden Aliens von Aldebaran, wird’s schon wieder werden – und ist zumindest lebenswerter und balancierter als das, was davor war. Und alles endet mit dem Anfang einer Liebesgeschichte.

Le Guin, Ursula K. (1997): The Lathe of Heaven. New York: Avon Books (Orig. 1971).
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Ursula K. LeGuin: The Dispossessed

Posted 26.05.2008 by Till Westermayer
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Ein SF-Roman, der auf den beiden Zwillingswelten Urras und Anarres spielt. Shevek, ein Physiker von Anarres durchbricht die über hundert Jahre lang währende Isolation des Planeten, um seine Ergebnisse publizieren zu können, stellt aber schnell fest, daß Urras auch nicht sein Ideal darstellt.

Urras entspricht weitgehend der Situation der Erde heute, Anarres wird als anarchistische (bzw nicht-autoritär-kommunistische) Siedlung dargestellt. Anarres ist dabei ein unwirtlicher Planet, der von Urras aus als eher uninteressanter Mond angesehen wird und etwa 140 Jahre vor der Zeit, in der der Roman spielt den Anhängerinnen von Odo (die so ähnlich wie Marx etc. dargestellt wird) überlassen wurde. Diese haben dort eine freie Gesellschaft errichtet, in der sich aber relativ bald schon wieder ziemlich wichtige informelle Strukturen (Odo hat gesagt, daß …; sozialer Druck als höchstes Gut) herausgebildet haben. Merkmale der Gesellschaft: Absolute Gleichbehandlung von Männern und Frauen (zum Beispiel Namensvergabe durch Computer, Namen assozieren keine Geschlechter), Losverfahren zur Berufung in das zentrale Planungskomitee, Siedlungsräte, freiwillige Arbeitseinsätze, Gemeinschaftsschlafräume, so gut wie kein Privatbesitz, kein Geld, strikte antiegoistische Erziehung (die Gesellschaft ist alles, Du bist nichts …).

Der Roman ist (a) gut lesbar und (b) regt er an, darüber nachzudenken, wie eine anarchistische Gesellschaft denn nun tatsächlich aussehen könnte. Inzwischen ein Klassiker moderner Utopien.

Eine interessante Ergänzung zu The Dispossessed stellt die Kurzgeschichte “The day before the revolution” dar, die online verfügbar ist. Diese Kurzgeschichte spielt in der Vorgeschichte der Welt von Anarres, sie ist aber auch eine Geschichte über LeGuins Vorstellung von Anarchismus, vor allem aber eine Geschichte über Laia Odo (nach der der Odonianismus benannt ist), die zum Zeitpunkt des Textes eine alte Frau ist, am Tag vor der Revolution, ihrer Revolution.

Le Guin, Ursula K. (1996): The Dispossessed. An Ambigous Utopia. Glasgow: HarperCollins (Orig. 1974).
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Ursula K. LeGuin: Always Coming Home

Posted 24.05.2008 by Till Westermayer
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Always Coming HomeEine SF-Geschichte, die in einer Zukunft spielt, die auf den Altlasten von heute nach den Ritualen von gestern existiert. Traumhafte und traumartige Beschreibungen der Rituale und der Mythologie eines modernen Indianerstammes, der noch nicht existiert und eines Tages dort leben wird, wo heute noch San Francisco steht. Inklusive eigener Sprache, Kultur, usw. Das Buch ist zum Teil sehr collagenartig geschrieben. Fokus und Hauptperson ist eine Frau, die wir von ihrer Kindheit bis zu ihrem Tod begleiten.

Der Stil des Buchs ist sehr eigen — vielleicht trifft es am besten, wenn er als “fiktionale Anthropologie” beschrieben wird.

Le Guin, Ursula K. (1987): Always Coming Home. New York u.a.: Bantam Books (orig.: 1985)
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